Die hereditäre Persistenz des fetalen Hämoglobins (Hereditary Persistence of Fetal Hemoglobin, HPFH) ist eine seltene genetische Konstellation, die durch erhöhte Konzentrationen des fetalen Hämoglobins (HbF) (α2γ2) im Erwachsenenalter gekennzeichnet ist, ohne dass weitere wesentliche hämatologische Veränderungen bestehen. Anders als Thalassämien und andere Hämoglobinopathien ist die HPFH nicht mit Anämie, Mikrozytose oder morphologischen Erythrozytenveränderungen verbunden. Sie ist jedoch für die Differenzialdiagnose angeborener Anämien und als biologisches Modell für innovative Therapien schwerer Hämoglobinopathien von großer Bedeutung. Ihre Erkennung ist außerdem wesentlich, weil sie bei gleichzeitigem Vorliegen anderer Hämoglobinopathien deren klinischen Phänotyp deutlich verändern kann.
Die HPFH wird durch genetische Veränderungen verursacht, welche die physiologische postnatale Stilllegung der Gamma-Globin-Gene HBG2 und HBG1 auf Chromosom 11 verhindern und dadurch eine fortgesetzte HbF-Produktion nach der Geburt ermöglichen. Molekulargenetisch werden zwei Hauptgruppen unterschieden:
Umweltbedingte Risikofaktoren sind nicht bekannt. An eine HPFH ist bei einer über die Kindheit hinaus persistierenden HbF-Erhöhung zu denken, insbesondere wenn weder Mikrozytose noch Anämie vorliegen und in der Familie erhöhte HbF-Werte bekannt sind.
Das fetale Hämoglobin (HbF) ist während des intrauterinen Lebens und beim Neugeborenen das vorherrschende Hämoglobin. Seine hohe Sauerstoffaffinität erleichtert die Übertragung von Sauerstoff von der Mutter auf den Fetus. Die Zusammensetzung von HbF (α2γ2) unterscheidet sich von den adulten Hämoglobinen HbA und HbA₂. In den Wochen nach der Geburt werden die Gamma-Ketten unter der Kontrolle komplexer epigenetischer und transkriptioneller Mechanismen zunehmend durch Beta- und Delta-Ketten ersetzt.
Bei der HPFH bleiben diese Umschaltmechanismen infolge der Mutationen teilweise oder vollständig unwirksam. Die HbF-Synthese setzt sich dauerhaft fort und kann einen erheblichen Anteil oder sogar nahezu das gesamte Hämoglobin des Erwachsenen ausmachen. Pathophysiologisch hat die Persistenz von HbF keine krankhaften Folgen, da die Fähigkeit zum Sauerstofftransport und zur Sauerstoffabgabe im Gewebe erhalten bleibt.
Klinisch verursacht eine isolierte HPFH keine Manifestationen: Sie führt weder zu Anämie noch zu Veränderungen der Erythrozytenmorphologie oder der hämatologischen Basisparameter. Bei gleichzeitigem Vorliegen schwerer Hämoglobinopathien wie Beta-Thalassaemia major oder Sichelzellkrankheit kann ein hoher HbF-Anteil den klinischen Schweregrad jedoch deutlich vermindern, indem er Anämie, hämolytische Krisen und vaskuläre Komplikationen abschwächt.
Die HPFH ist gewöhnlich klinisch stumm. Träger haben keine Symptome, keine Anämiezeichen und keinen auffälligen körperlichen Untersuchungsbefund. Das Blutbild ist vollständig normal; bei den seltenen homozygoten Formen kann eine leichte kompensatorische Polyzythämie ohne klinische Bedeutung auftreten.
Die HPFH wird fast immer zufällig im Rahmen eines Hämoglobin-Screenings oder bei der Abklärung einer mikrozytären Anämie, einer vermuteten Thalassämie oder im Zuge von Familienuntersuchungen entdeckt. Bei anderen Hämoglobinopathien, etwa Beta-Thalassaemia major oder Sichelzellkrankheit, wirkt sich die HPFH klinisch günstig aus: Der hohe HbF-Anteil vermindert die Hämolyse, mildert die Symptomatik und kann selbst bei ansonsten sehr ungünstiger genetischer Konstellation ein nahezu normales Leben ermöglichen.
Der isolierten HPFH werden weder langfristige klinische Komplikationen noch Komplikationen unter metabolischem Stress zugeschrieben.
Die Diagnose der HPFH beruht auf einer Trias von Befunden:
Die Laboruntersuchungen zeigen:
Durch eine genetische Analyse mittels MLPA, NGS oder gezielter Sequenzierung lassen sich die spezifischen Deletionen oder Punktmutationen nachweisen, die der HPFH zugrunde liegen. Vor allem in Familien mit mehreren Trägern ist die Rekonstruktion des Erbgangs durch eine Segregationsanalyse für die genetische und reproduktionsmedizinische Beratung wesentlich.
Für eine isolierte HPFH bestehen keine spezifischen Therapieindikationen. Die Konstellation ist vollständig gutartig, erfordert weder eine Behandlung noch eine besondere Überwachung und beeinträchtigt weder Lebensqualität noch Lebensdauer.
Das klinische Management ist nur bei Personen relevant, die zusätzlich an einer anderen Hämoglobinopathie leiden. Bei ihnen muss die HPFH erkannt werden, um die Prognose richtig einzuschätzen und den therapeutischen Ansatz anzupassen. Das erhöhte HbF wirkt in diesen Fällen als natürlicher Schutzfaktor und mildert die klinische Ausprägung der Sichelzellkrankheit, Beta-Thalassämie und anderer Hämoglobinopathien.
Die Prognose der isolierten HPFH ist ausgezeichnet. Wird die Diagnose während einer Schwangerschaft oder im Rahmen einer genetischen Beratung gestellt, genügt es, die Träger über die vollständig gutartige Natur der Konstellation aufzuklären und zu beruhigen.
Komplikationen einer isolierten HPFH sind nicht bekannt. Klinisch wirkt die HPFH vor allem als Modifikator des Phänotyps schwerer Hämoglobinopathien: Sie kann bei Sichelzellkrankheit Anämie und vaso-okklusive Krisen abschwächen oder bei Patienten mit Thalassaemia major den Transfusionsbedarf vermindern.
Das Verständnis der genetischen Mechanismen der HPFH hat darüber hinaus die Entwicklung neuer therapeutischer Strategien zur pharmakologischen Induktion von HbF ermöglicht, die heute intensiv für die Behandlung von Hämoglobinopathien erforscht werden.
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