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Anämie bei chronischen Erkrankungen: allgemeine Einordnung

Die Anämie bei chronischen Erkrankungen, auch Anämie bei Entzündung genannt, ist nach der Eisenmangelanämie die zweithäufigste Anämieform und typischerweise mit chronischen entzündlichen, infektiösen, neoplastischen oder systemischen Erkrankungen assoziiert. Es handelt sich um eine multifaktorielle Störung, die durch eine verminderte Eisenverfügbarkeit für die Erythropoese, eine veränderte Bildung oder Wirkung von Erythropoetin, eine direkte Hemmung der erythroiden Proliferation und eine verkürzte Überlebensdauer der roten Blutkörperchen gekennzeichnet ist, obwohl die Eisenspeicher häufig normal oder erhöht sind.

Die Anämie bei chronischen Erkrankungen unterscheidet sich sowohl hinsichtlich ihrer pathogenetischen Mechanismen als auch ihres Labor- und klinischen Profils wesentlich von einer reinen Eisenmangelanämie, obwohl beide bei demselben Patienten gleichzeitig vorliegen können.

Epidemiologie

Die Anämie bei chronischen Erkrankungen macht bei hospitalisierten Erwachsenen und älteren Bevölkerungsgruppen bis zu 30 bis 40 Prozent aller Anämien aus. Ihre Prävalenz variiert je nach Grunderkrankung und erreicht bei Patienten mit fortgeschrittenen Neoplasien, chronischer Nierenerkrankung oder schweren rheumatologischen Erkrankungen bis zu 60 bis 80 Prozent. Ihre Häufigkeit nimmt mit dem Alter und mit der Dauer der zugrunde liegenden chronischen Erkrankung zu.

Ätiologie und assoziierte Erkrankungen

Die Anämie bei chronischen Erkrankungen entsteht im Rahmen zahlreicher chronischer Erkrankungen, denen eine persistierende Entzündung oder systemische Funktionsstörungen mit Einfluss auf die Erythropoese gemeinsam sind. Zu den wichtigsten Kategorien gehören:

In vielen dieser Situationen entwickelt sich die Anämie allmählich und schleichend und überlagert sich häufig mit weiteren hämatologischen und ernährungsbedingten Störungen.

Pathogenese und Pathophysiologie

Die Anämie bei chronischen Erkrankungen ist eine komplexe Störung, an der zahlreiche, häufig synergistisch und voneinander abhängig wirkende Mechanismen beteiligt sind:

Diese Mechanismen führen gemeinsam zu einer meist normozytären, normochromen Anämie mit normalem oder erhöhtem Ferritin, niedrigem Serumeisen, verminderter Transferrinsättigung und suboptimalem Ansprechen auf eine orale Eisentherapie.

Klinik und Laborbefunde

Die Anämie bei chronischen Erkrankungen entwickelt sich meist schleichend und fortschreitend. Die spezifischen Anämiesymptome, darunter Asthenie, Blässe, verminderte Belastbarkeit und Belastungsdyspnoe, überlagern sich mit den Symptomen der Grunderkrankung. In schweren Fällen können Zeichen kardiovaskulärer Kompensation oder eine deutliche Beeinträchtigung der Lebensqualität auftreten.

Laborchemisch ist die Anämie bei chronischen Erkrankungen typischerweise gekennzeichnet durch:

Ein erhöhtes Ferritin bei funktionellem Eisenmangel und hypoproliferativer Anämie ist ein entscheidender Hinweis für die Abgrenzung von einer reinen Eisenmangelanämie.

Differenzialdiagnose

Die Unterscheidung zwischen einer Anämie bei chronischen Erkrankungen und einer Eisenmangelanämie ist für die Therapieentscheidung entscheidend und beruht auf:

Das gleichzeitige Vorliegen beider Formen, eine sogenannte Mischanämie, ist bei fortgeschrittenen chronischen Erkrankungen und bei älteren Menschen häufig und erfordert eine integrierte Beurteilung.

Behandlung und therapeutische Grundsätze

Die Behandlung der Anämie bei chronischen Erkrankungen beruht vorrangig auf der Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung, insbesondere auf der Kontrolle der Entzündung, der neoplastischen Erkrankung, der Nierenfunktionsstörung oder der endokrinen Störung. Eine Eisentherapie, besonders in oraler Form, ist wegen der hepcidinvermittelten Eisensequestrierung häufig unwirksam. Bei nachgewiesenem gemischtem Eisenmangel kann eine intravenöse Gabe angezeigt sein. Bei Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz oder bestimmten Neoplasien kann der Einsatz von rekombinantem Erythropoetin angemessen sein.

Die Behandlungsindikation muss stets individuell gestellt werden. Dabei sind das Risiko von Komplikationen wie Eisenüberladung, Thrombose oder Krankheitsprogression sowie die Auswirkungen auf die Lebensqualität zu berücksichtigen.

Weiterführende Artikel zu den einzelnen Krankheitsbildern

Weitere Einzelheiten zu den wichtigsten klinischen Kontexten der Anämie bei chronischen Erkrankungen finden sich in den entsprechenden Monografien:

    Literatur
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