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Follikuläres Schilddrüsenkarzinom

Das follikuläre Schilddrüsenkarzinom ist eine maligne epitheliale Neoplasie, die von den follikulären Schilddrüsenzellen ausgeht. Es ist durch eine überwiegend follikuläre Architektur gekennzeichnet, wobei die histologische Diagnose auf dem Nachweis einer Kapselinvasion und/oder Gefäßinvasion beruht. Im Unterschied zum papillären Karzinom wird es nicht durch die typischen nukleären Veränderungen des papillären Karzinoms definiert und zeigt in der Mehrzahl der Fälle keine initiale lymphatische Ausbreitung in die zervikalen Lymphknoten. Seine klinische Identität ergibt sich gerade aus diesem Gegensatz: Das follikuläre Karzinom kann zytologisch einem follikulären Adenom ähneln, wird jedoch zum Karzinom, wenn es die Tumorkapsel überschreitet oder Blutgefäße infiltriert und dadurch das Potenzial zur hämatogenen Ausbreitung in Lunge und Knochen erlangt.

Nach dem papillären Karzinom ist es das zweithäufigste differenzierte Schilddrüsenkarzinom. Seine Inzidenz variiert in Abhängigkeit von Alter, Geschlecht, Jodversorgung, histologischen Diagnosekriterien und geografischer Verteilung. Es tritt häufiger bei Erwachsenen und älteren Menschen auf als das klassische papilläre Karzinom, weist eine Prädominanz beim weiblichen Geschlecht auf und ist relativ häufiger in Regionen mit Jodmangel oder bei langjähriger Struma nodosa vertreten. Die Prognose ist sehr heterogen: Minimalinvasive, auf die Kapsel begrenzte Formen zeigen häufig einen ausgezeichneten Verlauf, während ausgedehnt angioinvasive, breit invasive oder metastasierte Formen eine aggressivere Behandlung und eine langfristige Nachsorge erfordern. Die zentrale klinische Herausforderung besteht darin, eine unbestimmte follikuläre Läsion von einem echten Karzinom zu unterscheiden und nach Bestätigung der Malignität die Bedeutung von Gefäßinvasion, lokaler Ausdehnung und Fernmetastasen zu bestimmen.

Pathologisch-anatomische Identität und diagnostische Abgrenzung

Das follikuläre Karzinom entsteht aus dem follikulären Schilddrüsenepithel, also aus demselben Zellkompartiment, das Thyreoglobulin produziert, Jod aufnimmt und an der Synthese von Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3) beteiligt ist. Aufgrund dieses Ursprungs gehört es zu den differenzierten Schilddrüsenkarzinomen, seine Definition entspricht jedoch nicht derjenigen des papillären Karzinoms. Beim follikulären Karzinom bilden die Zellen Follikel, Mikrofollikel, Trabekel oder solide Strukturen mit variabler Kolloidmenge, ohne die diagnostischen Kernmerkmale des papillären Karzinoms. Das entscheidende Kriterium ist nicht allein die zytologische Atypie, sondern der Nachweis, dass der Tumor seine eigene Kapsel überschritten oder kapsuläre beziehungsweise extrakapsuläre venöse Gefäße infiltriert hat. Die Diagnose beruht somit auf der histologischen Invasivität und ist keine rein zytologische Diagnose.

Dieses Merkmal erklärt, weshalb die Feinnadelaspiration der Schilddrüse trotz ihrer zentralen Bedeutung im initialen diagnostischen Ablauf ein follikuläres Adenom nicht sicher von einem follikulären Karzinom unterscheiden kann. Beide können follikuläre Zellverbände, Mikrofollikel, kolloidarme Areale und eine zelluläre Monotonie aufweisen. In der zytologischen Probe fehlt jedoch die Möglichkeit, Kapsel und Gefäße vollständig und kontinuierlich zu beurteilen. Die Zytologie kann eine „follikuläre Neoplasie“ oder einen „Verdacht auf eine follikuläre Neoplasie“ angeben, die Bezeichnung Karzinom erfordert jedoch die Untersuchung des operativ entfernten Knotens mit sorgfältiger Aufarbeitung der Kapsel. Diese Einschränkung ist ein entscheidender Aspekt der Schilddrüsendiagnostik, da sie verhindert, dass jeder unbestimmte follikuläre Knoten als gesichertes Karzinom behandelt wird.

Die heutige Klassifikation unterscheidet minimalinvasive, gekapselt angioinvasive und breit invasive Formen. Beim minimalinvasiven follikulären Karzinom ist die Infiltration begrenzt und kann aus einer Kapselinvasion ohne oder mit nur minimaler Gefäßinvasion bestehen. Beim gekapselt angioinvasiven follikulären Karzinom behält der Tumor ein expansives Wachstumsmuster und eine erkennbare Kapsel bei, infiltriert jedoch Blutgefäße. Das Risiko steigt mit der Anzahl der Herde einer Gefäßinvasion. Beim breit invasiven follikulären Karzinom infiltriert der Tumor diffus das Schilddrüsenparenchym und die umliegenden Gewebe, wobei die klare kapsuläre Begrenzung verloren geht. Die Unterscheidung dieser Kategorien ist klinisch relevant, da die Prognose wesentlich stärker von einer ausgedehnten Angioinvasion und breiten Infiltration als von einer lediglich minimalen Kapselpenetration abhängt.

Das follikuläre Karzinom darf nicht mit der follikulären Variante des papillären Schilddrüsenkarzinoms verwechselt werden. Die follikuläre Variante des papillären Karzinoms besitzt eine follikuläre Architektur, weist jedoch die typischen Zellkerne des papillären Karzinoms auf. Das echte follikuläre Karzinom besitzt diese nukleären Veränderungen hingegen nicht als dominierendes Diagnosekriterium. Diese Unterscheidung ist grundlegend, da beide Neoplasien unterschiedliche molekulare Muster, Ausbreitungswege und klinische Behandlungsstrategien aufweisen. Ebenso darf die nichtinvasive follikuläre Schilddrüsenneoplasie mit papillären Kernmerkmalen (noninvasive follicular thyroid neoplasm with papillary-like nuclear features, NIFTP) nicht den invasiven follikulären Karzinomen zugerechnet werden, da sie keine Kapsel- oder Gefäßinvasion zeigt und ein äußerst indolentes biologisches Verhalten besitzt. Eine korrekte diagnostische Abgrenzung schützt vor Überdiagnostik und Übertherapie.

Das onkozytäre Karzinom, historisch als Hürthle-Zell-Karzinom bezeichnet, muss gesondert betrachtet werden. Es kann mit dem follikulären Karzinom die Notwendigkeit teilen, eine Kapsel- oder Gefäßinvasion nachzuweisen, wird heute jedoch aufgrund seiner onkozytären Zytologie, mitochondrialen Biologie, seines molekularen Profils und seines klinischen Verhaltens als eigenständige Kategorie angesehen. Eine follikuläre Neoplasie mit fokalen onkozytären Zellen wird nicht automatisch zu einem onkozytären Karzinom. Ebenso darf ein onkozytäres Karzinom nicht allein deshalb mit einem konventionellen follikulären Karzinom gleichgesetzt werden, weil es Kapsel oder Gefäße infiltriert. Die korrekte Klassifikation erfordert die Beurteilung der vorherrschenden Zellkomponente, der Invasion und des Gesamtprofils der follikulären Neoplasie.

Der Pathologe muss Tumorgröße, Kapselstatus, Anzahl und Lokalisation der Herde einer Gefäßinvasion, Ausmaß der Kapselinvasion, Resektionsränder, eine mögliche extrathyreoidale Ausdehnung, Nekrosen, mitotische Aktivität, ein breit invasives Wachstumsmuster, eine Lymphknotenbeteiligung bei erfolgter Probenentnahme sowie das Vorliegen von Metastasen angeben. Die Gefäßinvasion muss von Retraktions- oder Verschleppungsartefakten unterschieden werden, da eine Überinterpretation einen Tumor mit niedrigem Risiko fälschlich als aggressivere Erkrankung erscheinen lassen kann. Die Qualität der Aufarbeitung des Operationspräparats ist daher integraler Bestandteil der Diagnose und kein bloßes technisches Detail. Beim follikulären Karzinom steuert der histologische Befundbericht unmittelbar die Entscheidung über eine Komplettierungsoperation, die Indikation zur Radiojodtherapie und die Intensität der Nachsorge.

Ätiologie, Risikofaktoren und Karzinogenese

Bei den meisten Patienten mit follikulärem Karzinom lässt sich keine einzelne Ursache nachweisen. Die Karzinogenese beruht auf der Akkumulation genetischer und mikroenvironmentaler Veränderungen, die eine follikuläre Proliferation in eine autonome Neoplasie umwandeln, die Kapsel und Gefäße infiltrieren kann. Zu den wichtigsten epidemiologischen Faktoren gehören höheres Erwachsenenalter, weibliches Geschlecht, Regionen mit geringer Jodzufuhr, langjähriger knotiger Kropf und eine Vorgeschichte follikulärer Knoten. Die Exposition gegenüber ionisierender Strahlung erhöht das Gesamtrisiko differenzierter Schilddrüsentumoren, die klassische Assoziation ist jedoch beim papillären Karzinom stärker ausgeprägt als beim follikulären Karzinom. Beim follikulären Karzinom besteht der typische Kontext in einer klonalen follikulären Proliferation, die invasive Eigenschaften erwirbt.

Jodmangel verändert die Schilddrüsenphysiologie, da er die Verfügbarkeit des für die Hormonsynthese erforderlichen Substrats reduziert, die Stimulation durch das thyreoideastimulierende Hormon (TSH) erhöht und Struma, Knotenbildung und follikuläre Hyperplasie begünstigt. Gewebe, das über Jahre proliferativen Reizen und knotigem Umbau ausgesetzt ist, bietet mehr Möglichkeiten für klonale Selektion, funktionelle Autonomie und die Akkumulation genetischer Veränderungen. Dies bedeutet weder, dass jede Struma zu einem Karzinom wird, noch, dass Jodmangel als direkte Ursache ausreicht. Es weist jedoch auf ein biologisches Umfeld hin, in dem follikuläre Neoplasien relativ häufiger auftreten. Der Zusammenhang zwischen thyreotroper Stimulation, Knotenwachstum und Transformation ist als erhöhte Wahrscheinlichkeit und nicht als zwingende Abfolge zu verstehen.

Auf molekularer Ebene gehört das follikuläre Karzinom häufig zur Gruppe der „RAS-like“-Tumoren. Mutationen des neuroblastoma RAS viral oncogene homolog (NRAS), Harvey rat sarcoma viral oncogene homolog (HRAS) oder Kirsten rat sarcoma viral oncogene homolog (KRAS) aktivieren proliferative und überlebensfördernde Signalwege unter Beteiligung der mitogen-activated protein kinase (MAPK) und der phosphatidylinositol 3-kinase (PI3K)/protein kinase B (AKT). Im Unterschied zum klassischen papillären Karzinom, das häufig durch BRAF-like-Ereignisse geprägt ist, bewahrt das follikuläre Karzinom oft seine follikuläre Architektur, die thyroidale Differenzierung und ein zunächst expansives Wachstumsmuster. Eine RAS-Mutation belegt für sich allein keine sichere Malignität, da sie auch in Adenomen und Grenzläsionen auftreten kann, weist jedoch auf ein molekulares Programm hin, das mit follikulären Neoplasien vereinbar ist.

Eine weitere charakteristische Veränderung ist die Fusion von paired box gene 8 und peroxisome proliferator-activated receptor gamma (PAX8::PPARG). PAX8 ist ein für die Schilddrüsendifferenzierung essenzieller Transkriptionsfaktor, während PPARG adipogene, metabolische und differenzierungsbezogene Programme reguliert. Die Fusion verändert die Transkriptionskontrolle und fördert das neoplastische follikuläre Wachstum. Veränderungen des PI3K/AKT-Signalwegs, einschließlich Veränderungen von phosphatase and tensin homolog (PTEN), können insbesondere in Verbindung mit zusätzlichen Ereignissen zur Progression beitragen. Die follikuläre Karzinogenese beruht daher weniger auf einem einzigen universellen Treiber als auf einem Netzwerk von Signalen, die klonale Expansion, Zellüberleben und Invasivität fördern.

Mutationen im Promotor der telomerase reverse transcriptase (TERT) besitzen eine besondere prognostische Bedeutung, wenn sie in invasiven oder metastasierten follikulären Tumoren auftreten. Die Aktivierung der Telomerase ermöglicht den Erhalt der Telomere, eine verlängerte Replikationsfähigkeit und die Selektion aggressiverer Klone. Veränderungen von eukaryotic translation initiation factor 1A X-linked (EIF1AX), DICER1 ribonuclease III (DICER1), isocitrate dehydrogenase (IDH), tumor protein p53 (TP53) oder anderen Genen können ebenfalls in bestimmten Untergruppen oder bei der Progression zu wenig differenzierten Formen auftreten. Das Vorliegen von TERT, insbesondere in Verbindung mit weiteren Progressionsereignissen, spricht für ein höheres biologisches Risiko als bei einem minimalinvasiven Karzinom ohne ungünstige Marker.

Der Übergang vom follikulären Adenom zum follikulären Karzinom lässt sich nicht bei jedem Patienten als lineare Sequenz nachweisen. Das plausibelste biologische Modell geht jedoch davon aus, dass einige zunächst gekapselte follikuläre Neoplasien die Fähigkeit erwerben, die Kapsel zu überschreiten und in Gefäße einzudringen. Die Kapselinvasion zeigt die Überwindung der lokalen anatomischen Barriere an. Die Gefäßinvasion bedeutet einen direkten Zugang zum venösen Kreislauf und erklärt die Prädisposition für hämatogene Metastasen. Die Angioinvasion bildet somit die pathophysiologische Brücke zwischen Histologie und klinischem Verhalten: Sobald der Tumor in Gefäße eindringt, wird das Risiko einer systemischen Dissemination biologisch konkret.

Eine Entdifferenzierung ist seltener, aber klinisch bedeutsam. Einige follikuläre Karzinome akkumulieren Veränderungen, die die Expression von Thyreoglobulin, thyroid peroxidase (TPO), sodium iodide symporter (NIS) und anderen schilddrüsenspezifischen Genen reduzieren, sodass die Fähigkeit zur Jodaufnahme allmählich verloren geht. Dieses Phänomen vermindert die Wirksamkeit der Radiojodtherapie und kann mit schnellerem Wachstum, Nekrosen, erhöhter mitotischer Aktivität und einer Transformation in ein wenig differenziertes oder anaplastisches Karzinom einhergehen. Der Verlust der thyroidalen Differenzierung ist nicht lediglich eine morphologische Veränderung, sondern eine funktionelle Transformation, die Prognose und therapeutische Möglichkeiten beeinflusst.

Wachstumsmuster, Invasion und metastatische Ausbreitung

Das follikuläre Karzinom wächst häufig als solitärer, gekapselter oder scheinbar gut umschriebener Knoten und kann in Sonografie und Zytologie mitunter nicht von einem follikulären Adenom unterschieden werden. Dieses geordnete Erscheinungsbild kann irreführend sein, da das maligne Verhalten nicht zwangsläufig aus unregelmäßigen sonografischen Rändern oder Mikroverkalkungen hervorgeht, sondern aus der histologischen Fähigkeit, die Kapsel zu überschreiten oder in Gefäße einzudringen. Ein rundlicher, solider, isoechogener oder leicht echoarmer Knoten kann daher ein follikuläres Karzinom verbergen. Die klinische Beurteilung muss die Grenzen morphologischer Merkmale berücksichtigen, wenn das zentrale biologische Problem in der kapsulovaskulären Invasion besteht.

Der charakteristischste Ausbreitungsweg ist hämatogen. Die Invasion kapsulärer oder peritumoraler venöser Gefäße ermöglicht es neoplastischen Zellen, den systemischen Kreislauf, die Lunge und das Skelett zu erreichen. Dies unterscheidet das follikuläre Karzinom vom papillären Karzinom, bei dem zervikale Lymphknotenmetastasen wesentlich häufiger sind. Beim follikulären Karzinom können Lymphknoten beteiligt sein, die lymphogene Metastasierung ist jedoch weniger typisch. Bei ihrem Vorliegen sollten der histologische Typ, eine wenig differenzierte Komponente, die follikuläre Variante eines papillären Karzinoms oder eine andere Diagnose sorgfältig überprüft werden. Das charakteristische Merkmal bleibt die hämatogene Dissemination.

Lungenmetastasen können als einzelne oder multiple Knoten, diffuse Mikronoduli oder fortschreitende nicht radiojodspeichernde Läsionen auftreten. Wenn sie ihre Differenzierung und eine funktionelle NIS-Expression bewahren, können sie auf Radiojod ansprechen. Bei Verlust der Jodspeicherung sind je nach Wachstum und Symptomatik radiologische Überwachung, lokale Therapien oder eine systemische Behandlung erforderlich. Knochenmetastasen sind häufig osteolytisch und können Wirbelsäule, Becken, Rippen, Femur, Schädel und andere Skelettabschnitte betreffen. Sie verursachen Schmerzen, pathologische Frakturen, Rückenmarkskompression oder neurologische Defizite. Der Knochenbefall ist besonders bedeutsam, da die lokale Kontrolle einer Knochenmetastase eine Strahlentherapie, Operation, orthopädische Stabilisierung, Embolisation oder Ablation erfordern kann.

Eine lokale extrathyreoidale Invasion ist bei minimalinvasiven Formen seltener, kann jedoch bei breit invasiven Formen auftreten. Der Tumor kann perithyreoidale Weichteile, Muskeln, Trachea, Ösophagus, Nervus laryngeus recurrens oder vaskuläre Strukturen infiltrieren und dadurch Dysphonie, Dysphagie, Husten, Hämoptysen, Dyspnoe oder eine Fixierung der zervikalen Raumforderung verursachen. Die makroskopische Invasion verändert sowohl das Stadium als auch die chirurgische Strategie, da sie komplexere Resektionen und eine multidisziplinäre Beurteilung erfordert. Die extrathyreoidale Invasion muss präzise dokumentiert werden, wobei operative Adhärenz, minimale mikroskopische Ausdehnung und echte makroskopische Infiltration unterschieden werden müssen.

Das follikuläre Karzinom kann insbesondere bei gekapselten Formen mit minimaler Invasion über Jahre langsam wachsen. Es kann jedoch rasch fortschreiten, wenn eine ausgedehnte Angioinvasion, Fernmetastasen oder ein Differenzierungsverlust vorliegen. Diese Variabilität erklärt, weshalb der Knotendurchmesser allein nicht ausreicht: Ein kleiner, aber angioinvasiver Tumor kann metastasieren, während ein großer Tumor mit lediglich begrenzter Kapselinvasion einen günstigen Verlauf haben kann. Die invasive Biologie des follikulären Karzinoms erfordert daher eine Gesamtbeurteilung von Größe, Histologie, Gefäßbeteiligung, Resektionsrändern, Metastasen und Radiojodansprechen.

Klinische Manifestationen

Die häufigste Präsentation ist ein solitärer Schilddrüsenknoten oder ein dominanter Knoten in einer multinodulären Struma, der häufig bei der Palpation, Sonografie oder im Rahmen einer aus anderen Gründen durchgeführten Bildgebung des Halses entdeckt wird. Die Patienten sind in der Regel euthyreot, da das follikuläre Karzinom nur selten Hormone in einer Menge produziert, die eine klinische Thyreotoxikose verursacht. Es kann jedoch gleichzeitig mit autonomen Knoten, multinodulärer Struma oder funktionellen Störungen auftreten, die unabhängig vom Tumor bestehen. In der Anamnese sollten Dauer und progressives Wachstum des Knotens, eine Strumaanamnese, Jodmangel, zervikale Bestrahlung, familiäre Belastung, Dysphonie, Dysphagie, Dyspnoe, Knochenschmerzen, Frakturen, persistierender Husten und Gewichtsverlust erfasst werden. Das Vorliegen von Skelettschmerzen bei einem Patienten mit unbestimmtem follikulärem Knoten sollte auch bei geringer zervikaler Symptomatik an eine metastasierte Erkrankung denken lassen.

Bei der körperlichen Untersuchung kann sich ein mit dem Schlucken verschieblicher, verhärteter und meist schmerzloser Schilddrüsenknoten zeigen. Eine Fixierung an tiefen Gewebeschichten, rasches Wachstum, Dysphonie, Trachealverlagerung oder das Auftreten von Kompressionssymptomen weisen auf eine mögliche lokale Invasion oder eine andere aggressive Erkrankung hin und erfordern eine rasche Abklärung. Die zervikalen Lymphknoten müssen dennoch palpiert werden. Ihr Fehlen ist beim follikulären Karzinom jedoch weniger beruhigend als beim papillären Karzinom, da eine systemische Dissemination über venöse Gefäße ohne erkennbare Lymphadenopathie erfolgen kann. Die körperliche Untersuchung muss daher die zervikale Beurteilung mit der Suche nach Hinweisen auf Fernmetastasen verbinden.

Metastatische Manifestationen können der Diagnose des Schilddrüsentumors vorausgehen. Eine osteolytische Wirbelläsion, eine pathologische Fraktur, eine Schwellung am Schädel, Beckenschmerzen, Rückenmarkskompression oder Lungenknoten können erste Hinweise auf ein okkultes follikuläres Karzinom sein. In diesen Fällen kann sich die Diagnose aus der Biopsie der metastatischen Läsion, einer positiven Immunhistochemie für Thyreoglobulin, thyroid transcription factor 1 (TTF-1) oder paired box gene 8 (PAX8) und der anschließenden Identifikation des Schilddrüsentumors ergeben. Die Erstmanifestation durch eine initiale Metastase ist seltener als die Diagnose aufgrund eines Schilddrüsenknotens, entspricht jedoch dem typischen hämatogenen Profil der Erkrankung.

Bei älteren Menschen besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit für breit invasive Formen, Fernmetastasen oder Begleiterkrankungen, die Operation und Radiojodtherapie erschweren. Bei jüngeren Patienten weisen minimalinvasive Formen häufig eine ausgezeichnete Prognose auf, das Vorliegen einer ausgedehnten Gefäßinvasion oder von Metastasen verändert das klinische Bild jedoch grundlegend. Das weibliche Geschlecht erhöht die diagnostische Häufigkeit, ersetzt jedoch nicht die anatomischen und histologischen Prognosefaktoren. Die klinische Beurteilung darf keine vereinfachenden Schlussfolgerungen ziehen: Alter, Geschlecht und Größe helfen bei der Risikoeinschätzung, die Angioinvasion bleibt jedoch einer der wichtigsten Determinanten des biologischen Verhaltens.

Symptome einer Hyperthyreose oder Hypothyreose sind für die Neoplasie selbst nicht typisch und müssen gesondert interpretiert werden. Ein supprimiertes thyreoideastimulierendes Hormon (TSH) spricht für eine funktionelle Autonomie eines oder mehrerer Knoten und erfordert eine Szintigrafie, da ein heißer Knoten eine geringere Malignitätswahrscheinlichkeit besitzt als ein nichtfunktioneller Knoten. Dies schließt ein Risiko nicht vollständig aus, verändert jedoch die diagnostische Abfolge. Ein erhöhtes TSH kann auf eine begleitende chronische Thyreoiditis oder Schilddrüseninsuffizienz hinweisen. Die Schilddrüsenfunktion definiert den endokrinen Kontext, während die onkologische Diagnose einer follikulären Neoplasie weiterhin an Morphologie und Invasion gebunden bleibt.

Diagnostische Untersuchungen und Diagnosestellung

Der diagnostische Ablauf beginnt mit Anamnese, körperlicher Untersuchung, Bestimmung des TSH sowie einer Sonografie der Schilddrüse und des Halses. Die Sonografie beurteilt Größe, Zusammensetzung, Echogenität, Ränder, peripheren Halo, Vaskularisation, eine mögliche extrathyreoidale Ausdehnung und die Lymphknoten. Bei follikulären Knoten kann das sonografische Profil weniger spezifisch sein als beim papillären Karzinom. Mikroverkalkungen, unregelmäßige Ränder und eine höher-als-breit-Konfiguration können auftreten, viele follikuläre Karzinome präsentieren sich jedoch als solide, gut begrenzte, isoechogene oder leicht echoarme Knoten. Die Sonografie dient vor allem der Entscheidung über eine Feinnadelaspiration, der Kartierung der Schilddrüse und dem Nachweis möglicher Zeichen einer extrathyreoidalen Erkrankung.

Bei supprimiertem TSH wird häufig vor der Feinnadelaspiration des dominanten Knotens eine Schilddrüsenszintigrafie durchgeführt, da sie hyperfunktionelle, isofunktionelle oder hypofunktionelle Knoten identifiziert. Die Mehrzahl der follikulären Karzinome ist nichtfunktionell, eine Koexistenz mit einer knotigen Autonomie ist jedoch insbesondere bei multinodulärer Struma möglich. Bei normalem oder erhöhtem TSH wird die sonografisch gesteuerte Feinnadelaspiration in Abhängigkeit von Größe und sonografischem Risiko indiziert. Nach The Bethesda System for Reporting Thyroid Cytopathology (TBSRTC) kann das zytologische Ergebnis als Atypie unklarer Bedeutung, follikuläre Neoplasie beziehungsweise Verdacht auf follikuläre Neoplasie, Verdacht auf Malignität oder seltener als maligne eingestuft werden. Entscheidend ist, dass die Kategorie follikuläre Neoplasie nicht mit einem gesicherten follikulären Karzinom gleichzusetzen ist.

Die Feinnadelaspiration beschreibt die Zellen, kann jedoch die gesamte Kapsel und die Gefäße nicht zuverlässig beurteilen. Aus diesem Grund ist eine sichere präoperative Diagnose eines follikulären Karzinoms im Allgemeinen nicht möglich, sofern nicht bereits dokumentierte Metastasen oder eine eindeutige makroskopische Invasion vorliegen. Eine Stanzbiopsie kann in ausgewählten Fällen mehr Gewebearchitektur als die Zytologie liefern, löst das Problem der kapsulovaskulären Invasion jedoch nicht zuverlässig. Auch die intraoperative Schnellschnittuntersuchung hat bei follikulären Knoten nur einen begrenzten Nutzen, da die Invasion fokal sein kann und eine umfangreiche Aufarbeitung erfordert. Die endgültige Diagnose setzt die histologische Untersuchung des entfernten Knotens voraus.

Nach der Klassifikation der World Health Organization (WHO) und dem Vorgehen internationaler Leitlinien ist für die Diagnose eines follikulären Karzinoms der Nachweis einer invasiven follikulären Schilddrüsenneoplasie ohne die diagnostischen Kernmerkmale des papillären Karzinoms erforderlich. Die logische Abfolge der Diagnosestellung muss zwischen präoperativem Verdacht, histologischer Bestätigung und postoperativer prognostischer Einordnung unterscheiden:

    Diagnose des follikulären Karzinoms

  • Klinischer und sonografischer Verdacht: solider oder dominanter Schilddrüsenknoten, häufig mit unbestimmter follikulärer Zytologie, beurteilt im Zusammenhang mit TSH, Sonografie und Risikofaktoren.
  • Follikuläre Zytologie: Feinnadelaspiration mit Befund einer follikulären Läsion, Atypie oder follikulären Neoplasie, ohne sicheren Nachweis einer Kapsel- oder Gefäßinvasion.
  • Diagnostisch-therapeutische Operation: Lobektomie oder ein dem Risiko entsprechender Eingriff zur Gewinnung des für die Beurteilung von Kapsel und Gefäßen erforderlichen Operationspräparats.
  • Histologische Bestätigung: Nachweis einer Kapselinvasion und/oder Gefäßinvasion in einer follikulären Neoplasie ohne nukleäre Kriterien eines papillären Karzinoms.
  • Prognostische Einordnung: Klassifikation als minimalinvasive, gekapselt angioinvasive oder breit invasive Form unter Beurteilung von Resektionsrändern, extrathyreoidaler Ausdehnung, Metastasen und ausgedehnter Gefäßinvasion.

Die Differenzialdiagnose umfasst follikuläres Adenom, hyperplastischen Knoten bei multinodulärer Struma, follikulären Tumor mit unklarem malignem Potenzial, NIFTP, follikuläre Variante des papillären Karzinoms, onkozytäres Karzinom, wenig differenziertes Karzinom, medulläres Karzinom mit seltenem follikulärem Muster, intrathyreoidale Metastasen und Nebenschilddrüsenläsionen. Die Immunhistochemie kann in komplexen Fällen hilfreich sein: Thyreoglobulin, TTF-1 und PAX8 sprechen für einen follikulären Schilddrüsenursprung, während Calcitonin auf ein medulläres Karzinom und Parathormon auf Nebenschilddrüsengewebe hinweist. Kein immunhistochemischer Marker ersetzt jedoch den Nachweis der Invasion, wenn zwischen follikulärem Adenom und follikulärem Karzinom unterschieden werden muss.

Molekulare Tests können bei zytologisch unbestimmten Knoten hilfreich sein, dürfen jedoch nicht als absoluter Nachweis eines follikulären Karzinoms interpretiert werden. RAS-Mutationen, die PAX8::PPARG-Fusion, Veränderungen von DICER1, EIF1AX oder andere Ereignisse können die Wahrscheinlichkeit einer Neoplasie erhöhen oder modifizieren, belegen jedoch für sich allein keine Kapsel- oder Gefäßinvasion. Bei bereits diagnostizierten Tumoren, insbesondere bei metastasierten oder radiojodrefraktären Formen, gewinnt die molekulare Profilierung an Bedeutung, da sie prognostische Veränderungen oder therapeutische Zielstrukturen identifizieren kann. Der Wert eines molekularen Tests hängt daher von der klinischen Fragestellung ab: Abschätzung des präoperativen Risikos oder Steuerung einer fortgeschrittenen Therapie bei progredienter Erkrankung.

Weiterführende Untersuchungen werden entsprechend dem anatomischen Risiko ausgewählt. Eine Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) von Hals und Mediastinum ist indiziert, wenn eine extrathyreoidale Invasion, eine retrosternale Raumforderung oder eine Beteiligung von Trachea, Ösophagus oder Gefäßen vermutet wird. Eine Thorax-CT dient bei hohem Risiko oder erhöhtem Thyreoglobulin der Beurteilung von Lungenmetastasen. Knochenbildgebung, gezielte MRT oder eine Positronenemissionstomografie mit Fluordesoxyglukose (FDG-PET) sind bei Knochenschmerzen, erhöhtem Thyreoglobulin und negativer Jodszintigrafie, fortgeschrittener Erkrankung oder vermuteter Entdifferenzierung angezeigt. Die Untersuchungen sollen eine klinisch relevante Ausdehnung erfassen und keine Kaskade von Zufallsbefunden erzeugen.

Stadieneinteilung und Risikostratifizierung

Beim follikulären Schilddrüsenkarzinom müssen die anatomische Stadieneinteilung, das Mortalitätsrisiko sowie das Risiko einer Persistenz oder eines Rezidivs voneinander unterschieden werden. Die achte Ausgabe des Systems der American Joint Committee on Cancer (AJCC) verwendet die tumor-node-metastasis-Klassifikation (TNM) und dient vor allem der Abschätzung des krankheitsspezifischen Überlebens. Die Risikostratifizierung der American Thyroid Association (ATA) berücksichtigt dagegen Faktoren wie Angioinvasion, makroskopische Invasion, Vollständigkeit der Resektion, Fernmetastasen und Therapieansprechen. Diese Unterscheidung ist beim follikulären Karzinom besonders wichtig, da ein scheinbar lokalisierter Tumor je nach Ausmaß der Gefäßinvasion ein unterschiedliches Risiko besitzen kann.

Die T-Kategorie beschreibt Größe und lokale Ausdehnung des Primärtumors. Beim follikulären Karzinom ist die Größe relevant, ersetzt jedoch nicht die histologische Beurteilung der kapsulovaskulären Invasion. Die anatomische Klassifikation muss ausdrücklich angegeben werden, da sie Prognose, Indikation zur Komplettierungsoperation, Einsatz von Radiojod und Nachsorge beeinflusst. Die T-Kategorie wird wie folgt definiert:

    T-Kategorie beim follikulären Schilddrüsenkarzinom

  • TX: Primärtumor nicht beurteilbar.
  • T0: kein Nachweis eines Primärtumors in der Schilddrüse.
  • T1: Tumor mit einem größten Durchmesser von höchstens 2 cm, auf die Schilddrüse begrenzt; T1a bei höchstens 1 cm, T1b bei mehr als 1 cm, jedoch höchstens 2 cm.
  • T2: Tumor größer als 2 cm, jedoch höchstens 4 cm, auf die Schilddrüse begrenzt.
  • T3a: Tumor größer als 4 cm, auf die Schilddrüse begrenzt.
  • T3b: Tumor jeder Größe mit makroskopischer extrathyreoidaler Ausdehnung, die auf die infrahyoidale Muskulatur begrenzt ist.
  • T4a: Tumor jeder Größe mit makroskopischer Invasion von subkutanem Weichteilgewebe, Larynx, Trachea, Ösophagus oder Nervus laryngeus recurrens.
  • T4b: Tumor jeder Größe mit Invasion der prävertebralen Faszie oder Ummauerung der Karotis beziehungsweise mediastinaler Gefäße.

Die N-Kategorie beschreibt die Beteiligung regionaler Lymphknoten. Lymphknotenmetastasen sind beim follikulären Karzinom seltener als beim papillären Karzinom, müssen bei ihrem Vorliegen jedoch gesucht und dokumentiert werden. Metastatische Lymphknoten können auf eine fortgeschrittenere Erkrankung, eine biologisch ungünstige Komponente oder die Notwendigkeit hinweisen, die Differenzialdiagnose zur follikulären Variante des papillären Karzinoms erneut zu prüfen. Die N-Kategorie wird wie folgt definiert:

    N-Kategorie beim follikulären Schilddrüsenkarzinom

  • NX: regionale Lymphknoten nicht beurteilbar.
  • N0: keine regionalen Lymphknotenmetastasen.
  • N1a: Metastasen in Lymphknoten des zentralen Halskompartiments, entsprechend Level VI und VII.
  • N1b: Metastasen in ipsilateralen, kontralateralen oder bilateralen laterozervikalen Lymphknoten oder in retropharyngealen Lymphknoten.

Die M-Kategorie ist beim follikulären Karzinom besonders bedeutsam, da die hämatogene Ausbreitung in Lunge und Knochen zu den charakteristischsten klinischen Merkmalen gehört. Fernmetastasen verändern Stadium, Prognose und therapeutisches Vorgehen, insbesondere wenn die Läsionen kein Radiojod speichern oder im Verlauf progredient sind. Die M-Kategorie muss immer ausdrücklich angegeben werden:

    M-Kategorie beim follikulären Schilddrüsenkarzinom

  • M0: keine dokumentierten Fernmetastasen.
  • M1: Fernmetastasen vorhanden.

Nach Festlegung von T, N und M wird das AJCC-Stadium unter Berücksichtigung des Patientenalters zugeordnet, wobei 55 Jahre als Schwellenwert verwendet werden. Bei Patienten unter 55 Jahren unterscheidet das System lediglich zwischen dem Fehlen und dem Vorliegen von Fernmetastasen, da die krankheitsspezifische Mortalität bei M0 im Allgemeinen niedrig bleibt. Dies bedeutet nicht, dass Gefäßinvasion, Größe oder chirurgische Behandlung bedeutungslos sind. Für die AJCC-Stadieneinteilung ist in dieser Altersgruppe jedoch M1 der entscheidende prognostische Faktor:

    AJCC-Stadieneinteilung bei Patienten unter 55 Jahren

  • Stadium I: jede Ausdehnung des Primärtumors (jedes T), jeder Lymphknotenstatus (jedes N), keine Fernmetastasen (M0).
  • Stadium II: jede Ausdehnung des Primärtumors (jedes T), jeder Lymphknotenstatus (jedes N), Fernmetastasen vorhanden (M1).

Bei Patienten ab 55 Jahren ist die AJCC-Stadieneinteilung differenzierter, da Größe, makroskopische Invasion, Lymphknoten und Fernmetastasen einen stärkeren Einfluss auf das krankheitsspezifische Überleben besitzen. Die Klassifikation muss eindeutig angegeben werden, da ein auf die Schilddrüse begrenzter Tumor, eine Erkrankung mit regionalen Lymphknotenmetastasen und eine Erkrankung mit Knochenmetastasen eine unterschiedliche klinische Bedeutung haben. Bei Patienten ab 55 Jahren lautet die AJCC-Stadieneinteilung wie folgt:

    AJCC-Stadieneinteilung bei Patienten ab 55 Jahren

  • Stadium I: Tumor bis 4 cm, auf die Schilddrüse begrenzt (T1 oder T2), keine dokumentierten Lymphknotenmetastasen oder Lymphknoten nicht beurteilbar (N0 oder NX), keine Fernmetastasen (M0).
  • Stadium II: Tumor bis 4 cm, auf die Schilddrüse begrenzt, mit regionalen Lymphknotenmetastasen (T1 oder T2, N1), oder Tumor größer als 4 cm, auf die Schilddrüse begrenzt oder mit makroskopischer Ausdehnung auf die infrahyoidale Muskulatur (T3a oder T3b), jeder Lymphknotenstatus (jedes N), keine Fernmetastasen (M0).
  • Stadium III: Tumor mit makroskopischer Invasion von subkutanem Weichteilgewebe, Larynx, Trachea, Ösophagus oder Nervus laryngeus recurrens (T4a), jeder Lymphknotenstatus (jedes N), keine Fernmetastasen (M0).
  • Stadium IVA: Tumor mit Invasion der prävertebralen Faszie oder Ummauerung der Karotis beziehungsweise mediastinaler Gefäße (T4b), jeder Lymphknotenstatus (jedes N), keine Fernmetastasen (M0).
  • Stadium IVB: jede Ausdehnung des Primärtumors (jedes T), jeder Lymphknotenstatus (jedes N), Fernmetastasen vorhanden (M1).

Die ATA-Risikostratifizierung für Rezidive ergänzt Aspekte, die durch die AJCC-Stadieneinteilung nicht ausreichend abgebildet werden. Beim follikulären Karzinom ist das Ausmaß der Gefäßinvasion besonders wichtig, da der Zugang zu Blutgefäßen die anatomische Voraussetzung für eine hämatogene Metastasierung darstellt. Eine minimalinvasive Form mit alleiniger Kapselinvasion besitzt ein deutlich anderes Risiko als ein gekapseltes Karzinom mit ausgedehnter Angioinvasion oder eine breit invasive Form. Die ATA-Risikostratifizierung muss daher nach vollständiger histologischer Diagnose angewendet werden:

    ATA-Risiko beim follikulären Schilddrüsenkarzinom

  • Niedriges Risiko: vollständig resezierter, intrathyreoidaler Tumor ohne Fernmetastasen, ohne makroskopische Invasion, ohne aggressive Histologie und mit fehlender oder minimaler Kapselinvasion, ohne relevante Angioinvasion.
  • Intermediäres Risiko: Tumor mit begrenzter Gefäßinvasion, mikroskopischer extrathyreoidaler Ausdehnung oder Größen- beziehungsweise Histologiemerkmalen, die die Wahrscheinlichkeit einer Persistenz oder eines Rezidivs erhöhen, jedoch ohne makroskopische Resterkrankung oder dokumentierte Fernmetastasen.
  • Hohes Risiko: breit invasiver Tumor, ausgedehnte Angioinvasion, makroskopische Invasion, unvollständige Resektion, Fernmetastasen, postoperatives Thyreoglobulin als Hinweis auf persistierende Erkrankung oder strukturelle Restläsionen.

Die initiale Risikostratifizierung wird anschließend durch das Therapieansprechen angepasst. Nach Operation, möglicher Radiojodtherapie und Kontrolle von Thyreoglobulin, Anti-Thyreoglobulin-Antikörpern und Bildgebung kann der Patient als exzellentes Ansprechen, unbestimmtes Ansprechen, biochemisch unvollständiges Ansprechen oder strukturell unvollständiges Ansprechen reklassifiziert werden. Diese Neubewertung ist beim follikulären Karzinom besonders wichtig, da Lungen- oder Knochenmetastasen auch nach längerer Zeit auftreten können, während viele minimalinvasive Formen nach adäquater Operation dauerhaft geheilt bleiben. Die dynamische Risikostratifizierung verhindert sowohl eine Unterbehandlung angioinvasiver Formen als auch eine Übertherapie von Erkrankungen mit sehr niedrigem Risiko.

Behandlung und Prognose

Die Behandlung des follikulären Karzinoms beginnt häufig mit einer Operation, die wegen eines unbestimmten follikulären Knotens durchgeführt wird. Bei vielen Patienten ist eine diagnostisch-therapeutische Lobektomie der erste Schritt, da sie die Entfernung des Knotens, die Untersuchung von Kapsel und Gefäßen sowie die Unterscheidung zwischen Adenom, Grenzläsion und Karzinom ermöglicht. Zeigt die Histologie ein vollständig reseziertes minimalinvasives Karzinom ohne relevante Angioinvasion und ohne weitere ungünstige Faktoren, kann die Lobektomie ausreichend sein. Bei ausgedehnter Angioinvasion, großem Tumor, positiven Resektionsrändern, extrathyreoidaler Ausdehnung, bilateraler Erkrankung, Metastasen oder der Notwendigkeit einer empfindlicheren Thyreoglobulin-basierten Nachsorge wird eine Komplettierung zur totalen Thyreoidektomie erwogen. Die chirurgische Entscheidung muss sich am histologischen Risiko orientieren.

Eine totale Thyreoidektomie ist bei breit invasiven Formen, Tumoren mit ausgedehnter Gefäßinvasion, großen Neoplasien mit intermediärem oder hohem Risiko, lokal fortgeschrittener Erkrankung, Fernmetastasen sowie bei geplanter Radiojodtherapie indiziert oder stark zu erwägen. Ziel ist die Entfernung des gesamten Schilddrüsengewebes, die Erleichterung der radiometabolischen Therapie, eine bessere Interpretation des Thyreoglobulins und die Verringerung des Risikos für verbliebenes Tumorgewebe. Das Operationsausmaß muss jedoch gegen die Risiken eines Hypoparathyreoidismus, einer Verletzung des Nervus laryngeus recurrens und einer dauerhaften Substitutionstherapie abgewogen werden. Die totale Thyreoidektomie darf nicht bei jedem minimalinvasiven Mikrokarzinom automatisch erfolgen, wird jedoch angemessen, wenn das biologische Profil dies erfordert.

Die prophylaktische Lymphknotendissektion besitzt nicht dieselbe Bedeutung wie bei bestimmten Formen des papillären Karzinoms, da das follikuläre Karzinom häufiger hämatogen und seltener in zervikale Lymphknoten metastasiert. Klinisch oder sonografisch suspekte Lymphknoten müssen jedoch abgeklärt und bei nachgewiesener Metastasierung durch eine therapeutische Dissektion des betroffenen Kompartiments behandelt werden. Eine zentrale oder laterale Dissektion ohne Hinweis auf eine Lymphknotenerkrankung ist bei follikulären Karzinomen mit niedrigem Risiko nicht gerechtfertigt, da sie die Morbidität ohne klaren Nutzen erhöht. Die Lymphknotenchirurgie muss therapeutisch bleiben und durch klinische, sonografische, zytologische oder intraoperative Befunde gesteuert werden.

Radiojod mit Jod-131 wird selektiv eingesetzt. Eine klare Indikation besteht bei radiojodspeichernden Metastasen, Hochrisikoformen, breit invasiven Tumoren, ausgedehnter Angioinvasion und in Situationen, in denen eine Ablation des Restgewebes die Stadieneinteilung, Behandlung oder Nachsorge verbessert. Bei minimalinvasiven, intrathyreoidalen, vollständig resezierten Karzinomen ohne ungünstige Faktoren kann darauf verzichtet werden. Das follikuläre Karzinom bewahrt häufig seine Differenzierung und Jodspeicherfähigkeit, dies ist jedoch insbesondere bei entdifferenzierten oder progredient metastasierten Formen nicht garantiert. Der Nutzen von Radiojod hängt vom Vorliegen radiojodspeichernden Tumorgewebes und vom Verhältnis zwischen onkologischem Risiko und Toxizität ab.

Eine Therapie mit Levothyroxin ist nach totaler Thyreoidektomie erforderlich und kann nach einer Lobektomie notwendig sein, wenn die Restfunktion nicht ausreicht. Bei Patienten mit intermediärem oder hohem Risiko wird Levothyroxin zusätzlich zur Senkung des TSH eingesetzt, da TSH Wachstum und Überleben verbliebener differenzierter Schilddrüsenzellen fördern kann. Die Suppression muss dem Risiko angepasst werden: intensiver bei persistierender Erkrankung oder hohem Risiko, moderat bei intermediärem Risiko und weniger aggressiv bei Patienten mit niedrigem Risiko und exzellentem Ansprechen. Eine übermäßige Suppression kann Vorhofflimmern, Knochenverlust, Tachykardie und eine Verschlechterung kardiovaskulärer Erkrankungen verursachen. Der Zielwert des TSH muss entsprechend Risiko, Alter, Herz-Kreislauf-Status, Knochengesundheit und Therapieansprechen individualisiert werden.

Bei metastasierter Erkrankung müssen systemische und lokale Behandlungen kombiniert werden. Radiojodspeichernde Lungenmetastasen können insbesondere bei mikronodulärer Ausprägung und jüngeren Patienten auf Radiojod ansprechen. Knochenmetastasen erfordern häufig ein multimodales Vorgehen mit Operation, externer Strahlentherapie, Stabilisierung, Vertebroplastie, thermischer Ablation, Embolisation oder radiometabolischer Therapie bei vorhandener Jodspeicherung. Priorität haben die Verhinderung von Frakturen, Rückenmarkskompression, unkontrollierbaren Schmerzen und Funktionsverlust. Die Behandlung der Knochenerkrankung darf bei unmittelbar bestehenden mechanischen Risiken nicht allein auf Radiojod gestützt werden.

Bei radiojodrefraktärer, progredienter und klinisch relevanter Erkrankung werden systemische Therapien erwogen. Antiangiogene Multikinaseinhibitoren, insbesondere Lenvatinib und Sorafenib, haben bei radiojodrefraktären differenzierten Schilddrüsenkarzinomen einen Vorteil hinsichtlich des progressionsfreien Überlebens gezeigt. Bei Tumoren mit seltenen therapeutisch adressierbaren Veränderungen, etwa Fusionen der neurotrophic tyrosine receptor kinase (NTRK) oder Veränderungen von rearranged during transfection (RET), können bei entsprechender Indikation selektive Inhibitoren eingesetzt werden. Eine systemische Therapie darf nicht allein aufgrund einer stabilen Metastase begonnen werden. Erforderlich sind radiologische Progression, Symptome, anatomisches Risiko oder eine relevante Tumorlast. Die Entscheidung muss Progression, Toxizität, Begleiterkrankungen und das klinische Therapieziel berücksichtigen.

Die Prognose hängt von Alter, Tumorgröße, Vollständigkeit der Resektion, Gefäßinvasion, extrathyreoidaler Ausdehnung, Fernmetastasen, Jodspeicherung und histologischer Differenzierung ab. Minimalinvasive Formen mit alleiniger Kapselinvasion weisen ein ausgezeichnetes Überleben und ein geringes Rezidivrisiko auf. Gekapselte Formen mit ausgedehnter Angioinvasion und breit invasive Formen besitzen ein höheres Risiko für Metastasen und krankheitsspezifische Mortalität. Knochenmetastasen, fehlende Jodspeicherung, TERT-Mutationen, rasche Progression oder eine wenig differenzierte Transformation verschlechtern die Prognose. Das follikuläre Karzinom darf daher weder als einheitlich günstig noch als einheitlich aggressiv beschrieben werden, sondern ist eine Erkrankung mit risikostratifizierter Prognose.

Nachsorge und Therapieansprechen

Die Nachsorge richtet sich nach dem Operationsausmaß und dem Risiko. Nach totaler Thyreoidektomie ist das Serum-Thyreoglobulin der wichtigste Marker für Persistenz oder Rezidiv, sofern es gemeinsam mit Anti-Thyreoglobulin-Antikörpern, TSH-Wert, analytischer Methode und vorhandenem Schilddrüsenrest interpretiert wird. Nach einer Lobektomie ist Thyreoglobulin weniger spezifisch, da der verbliebene Lappen physiologisch Thyreoglobulin produziert. In diesem Kontext ist vor allem der zeitliche Verlauf in Verbindung mit Sonografie und klinischem Bild relevant. Beim follikulären Karzinom sollte ein progressiver Anstieg des Thyreoglobulins auch bei unauffälligem Hals zur Suche nach pulmonaler, ossärer oder lokaler Erkrankung führen.

Die zervikale Sonografie bleibt zur Beurteilung des Schilddrüsenbetts, des nach Lobektomie verbliebenen Lappens, der Lymphknoten und lokaler Rezidive wichtig. Die Nachsorge darf sich beim follikulären Karzinom jedoch nicht ausschließlich auf den Hals beschränken, da ein systemisches Rezidiv einer Lymphknotenmanifestation vorausgehen oder an deren Stelle treten kann. Bei Hochrisikopatienten, ausgedehnter Angioinvasion, erhöhtem Thyreoglobulin oder bekannten Metastasen müssen je nach Krankheitsprofil Thorax-CT, Knochenbildgebung, gezielte MRT, Radiojodszintigrafie oder FDG-PET einbezogen werden. Die Überwachung muss nach einem hämatogenen Rezidiv suchen und darf sich nicht nur auf Knoten im Hals konzentrieren.

Eine Radiojod-Ganzkörperszintigrafie ist sinnvoll, wenn eine radiojodspeichernde Erkrankung vermutet wird oder nach einer radiometabolischen Therapie. Eine jodspeichernde Läsion kann mit Jod-131 behandelt werden, wenn der erwartete Nutzen die Risiken überwiegt. Eine nicht jodspeichernde, aber wachsende Läsion muss mit CT, MRT oder FDG-PET beurteilt werden. Die FDG-PET ist besonders aussagekräftig, wenn das Thyreoglobulin erhöht und die Jodszintigrafie negativ ist, da der Verlust der Jodspeicherung häufig mit einem gesteigerten Glukosestoffwechsel und einer geringeren Differenzierung verbunden ist. Diese Diskrepanz zwischen Thyreoglobulin und Szintigrafie ist ein wichtiges klinisches Signal.

Das Therapieansprechen wird als exzellent, unbestimmt, biochemisch unvollständig oder strukturell unvollständig klassifiziert. Ein exzellentes Ansprechen nach angemessener Behandlung ermöglicht weniger intensive Kontrollen und eine weniger ausgeprägte TSH-Suppression. Bei biochemisch unvollständigem Ansprechen müssen Verlauf, mögliche Antikörperinterferenzen und eine gezielte Bildgebung beurteilt werden. Ein strukturell unvollständiges Ansprechen erfordert eine standortspezifische Bewertung: Eine instabile Knochenmetastase wird anders behandelt als kleine stabile Lungenknoten. Das strukturelle Ansprechen steuert die tatsächliche Intervention stärker als ein einzelner numerischer Thyreoglobulinwert.

Die Nachsorge muss langfristig erfolgen, da das follikuläre Karzinom insbesondere bei angioinvasiven oder metastasierten Formen spät rezidivieren kann. Dauer und Intensität der Kontrollen dürfen nicht bei allen Patienten identisch sein. Ein vollständig reseziertes minimalinvasives Karzinom kann eine weniger belastende Überwachung erfordern, während ein Karzinom mit ausgedehnter Gefäßinvasion oder Metastasen langfristig kontrolliert werden muss. Das Risiko eines späten Rezidivs rechtfertigt bei Niedrigrisikofällen keine dauerhafte diagnostische Überwachung ohne Anlass, erfordert bei Patienten mit invasivem Profil jedoch eine kontinuierliche Nachsorge.

Komplikationen

Die charakteristischste onkologische Komplikation des follikulären Karzinoms ist die Fernmetastasierung. Der Mechanismus beruht auf der Gefäßinvasion: Sobald Tumorklone in venöse Gefäße eingedrungen sind, können sie Lunge und Skelett erreichen. Lungenmetastasen können asymptomatisch bleiben oder Husten, Dyspnoe, eine Einschränkung der Lungenfunktion und radiologische Progression verursachen. Knochenmetastasen führen zu Schmerzen, pathologischen Frakturen, Rückenmarkskompression, neurologischen Defiziten und bei ausgedehnter Erkrankung zu Hyperkalzämie. Die hämatogene Metastasierung ist daher die Komplikation, die das follikuläre Karzinom am deutlichsten vom klassischen papillären Karzinom unterscheidet.

Eine persistierende oder rezidivierende lokale Erkrankung kann bei unvollständiger Resektion, positiven Resektionsrändern, breit invasivem Tumor oder extrathyreoidaler Ausdehnung auftreten. Ein Rezidiv im Schilddrüsenbett kann Trachea, Ösophagus, Muskulatur, Nervus laryngeus recurrens oder vaskuläre Strukturen betreffen und dadurch erneute Operationen und lokale Therapien erschweren. Eine Invasion des Nervus laryngeus recurrens verursacht Dysphonie, Stimmermüdung und Aspirationsrisiko. Eine Infiltration von Trachea oder Ösophagus kann Dyspnoe, Hämoptysen oder Dysphagie verursachen. Der Verlust der lokalen Kontrolle ist bei minimalinvasiven Formen seltener, bei breit invasiven Formen jedoch von großer klinischer Bedeutung.

Entdifferenzierung und Radiojodrefraktärität stellen biologische Komplikationen dar. Wenn der Tumor die Expression von NIS und schilddrüsenspezifischen Genen vermindert, verliert Jod-131 an Wirksamkeit oder wird unwirksam. Die Erkrankung kann dann trotz radiometabolischer Therapie fortschreiten und lokale Behandlungen, externe Strahlentherapie oder systemische Therapien erfordern. Die Refraktärität ist besonders problematisch, wenn sie mit radiologischer Progression, Symptomen, Knochenmetastasen oder anatomisch gefährlichen Läsionen verbunden ist. Die eigentliche Komplikation besteht nicht allein im fehlenden Uptake, sondern in der Kombination aus Radiojodresistenz und klinisch relevantem Wachstum.

Zu den chirurgischen Komplikationen gehören vorübergehende oder dauerhafte Hypokalzämie infolge eines Hypoparathyreoidismus, Verletzung des Nervus laryngeus recurrens, Verletzung des Nervus laryngeus superior, komprimierendes zervikales Hämatom, Serom, Infektion, pathologische Narbenbildung und die Notwendigkeit einer Hormonsubstitution. Das Risiko steigt bei ausgedehnten Operationen, Reoperationen, Lymphknotendissektionen und invasiven Tumoren. Ein chronischer Hypoparathyreoidismus kann Parästhesien, Krämpfe, Tetanie, behandlungsbedingte Nephrolithiasis und eine Einschränkung der Lebensqualität verursachen. Eine Rekurrensparese kann Stimme und Schluckfunktion beeinträchtigen. Die chirurgische Morbidität macht es erforderlich, unnötige totale Thyreoidektomien bei minimalinvasiven Tumoren mit sehr niedrigem Risiko zu vermeiden.

Radiojod kann Sialadenitis, Xerostomie, Geschmacksstörungen, Übelkeit, Halsschmerzen, Tränendrüsendysfunktion, eine vorübergehende Einschränkung der Fertilität, Knochenmarktoxizität bei hohen Dosen und in ausgewählten Situationen einen geringfügigen Anstieg des Risikos für Zweitneoplasien verursachen. Bei diffusen Lungenmetastasen erfordern wiederholte Dosen besondere Aufmerksamkeit hinsichtlich einer möglichen pulmonalen Toxizität. Diese Nebenwirkungen stellen keine Kontraindikation für Radiojod dar, wenn eine Hochrisikoerkrankung oder radiojodspeichernde metastasierte Erkrankung vorliegt, machen jedoch einen ungezielten Einsatz unangemessen. Die Behandlung muss dem erwarteten Nutzen bei radiojodspeichernder Erkrankung entsprechen.

Eine chronische TSH-Suppression kann eine iatrogene subklinische Thyreotoxikose, Vorhofflimmern, Tachykardie, eine Verschlechterung einer Angina pectoris, Verlust von Knochenmasse und ein erhöhtes Frakturrisiko verursachen, insbesondere bei postmenopausalen Frauen und älteren Menschen. Bei persistierender Erkrankung kann der onkologische Nutzen eine stärkere Suppression rechtfertigen. Bei geheilten Patienten mit niedrigem Risiko kann dieselbe Intensität hingegen schädlich sein. Die Komplikation entsteht durch eine nicht angepasste Suppression nach exzellentem Ansprechen oder Risikoreduktion.

Schließlich besteht eine diagnostische Komplikation in der Übertherapie unbestimmter follikulärer Läsionen. Da viele follikuläre Zytologiebefunde keine Karzinome darstellen, setzt eine automatische totale Thyreoidektomie bei jedem unbestimmten Ergebnis die Patienten unnötigen Risiken aus. Umgekehrt kann die Unterschätzung eines angioinvasiven follikulären Karzinoms die Komplettierungsoperation, Radiojodtherapie oder Suche nach Metastasen verzögern. Ein korrektes Vorgehen muss ein Gleichgewicht zwischen onkologischer Vorsicht und Begrenzung der Iatrogenität wahren und initiale Operation, endgültige Histologie und Risikostratifizierung als aufeinanderfolgende Schritte nutzen.

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